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09.08.2017 - 01.10.2017 : Billette Bitte!

Zur Ausstellung

 

Am 9. Januar 2008 verschwanden sie endgültig, die Kartons von einem Gramm Gewicht und einer Grösse von 30,45 x 57 mm. Die sogenannten «edmondsonschen Billette» haben nach 149 Jahren ausgedient und aus dem «Direkten Weg» genommen. Nur noch Nostalgiebahnen gaben Ihren Kunden das traditionelle Kartonbillett ab.

 

Jahrelang standen sie für Bahnen, Schiffe und Postautos: die Billette aus Karton, grüne für die 1. Klasse und braune für die 2. Klasse. Aber was steckt für eine Geschichte hinter diesen Billetten? Wie wurden sie hergestellt?

 

Genau diese Fragen will das Gutenbergmuseum mit seiner Wechselausstellung «Billette bitte!» beantworten.

 

Zusammen mit der Billettdruckerei Aeschbacher AG aus Worb und dem pensionierten SBB Bahnhofvorstand und leidenschaftlichen Sammler Beat Winterberger, zeigen wir unseren Besuchern die Produktion, die Handhabung aber auch die Vielfalt dieser Fahrkarten. Die Ausstellung enthält ebenfalls Raritäten aus dem Fundus von sbb historic.

 

Neben einer funktionierenden Billettdruckmaschine und einem autentischen Arbeitsplatz, kann auf Bildschirmen die Produktion der Billette verfolgt werden. Am ausgebauten Schalter aus dem alten Bahnhof Domdidier/FR zeigen wir, wie das Druckprodukt weiter «fahrtauglich» gemacht wurde.

 

Neben einem historischen Abriss über die Geschichte der Fahrkarten in der Schweiz, können die verschiedensten historischen Fahrkarten aus aller Welt in Themenkreisen bewundert werden.

 

 

Thomas Edmondson, der Erfinder des Kartonbilletts

 

Am 30. Juni 1792 kam im englischen Lancaster Thomas Edmondson zur Welt. Als gelernter Schreiner wurde Edmondson mit 44 Jahren Vorstand in Milton, einem kleinen Bahnhof der Newcastle und Carlisle Railway. Als Allrounder unterlagen auch Fahrkartenausgabe und -abrechnung seinen Aufgaben. Diese zu vereinfachen, war sein Ziel. Grundsatz: entweder ist es eine Station mit einem Stationsvorstand oder ein Bahnhof mit einem Bahnhofvorstand.

 

Die beschränkten Beförderungsmöglichkeiten zur Postkutschenzeit verlangten nach einer eigentlichen Bewilligung, um mitreisen zu können. Die Reisenden wurden nach Namen und Reiseziel befragt und mussten sich meist noch mit amtlichen Schriftstücken über Zweck und Ziel der Reise ausweisen. Der ausgestellte Schein wurde zu einem persönlichen Beförderungsvertrag.

 

Das Erscheinen der ersten Eisenbahnen schaffte aber völlig neue Voraussetzungen. Die Nachfrage wurde so gross, dass das Personal in den Bahnhöfen bald in Schwierigkeiten geriet, denn das von den Bahngesellschaften für die Beförderung von Postreisenden übernommene Verfahren, den Fahrgästen für den bezahlten Fahrpreis kleine, handgeschriebene Zettel als Fahrausweise auszuhändigen, erwies sich in mancher Hinsicht als mangelhaft und vor allem zeitaufwendig.

 

Um die Fahrausweishandhabung zu vereinfachen, beschäftigte sich Thomas Edmondson bereits 1836, kurz nach seiner Wahl zum Stationsvorsteher des kleinen Bahnhofs Milton, mit dieser Problematik. Seine Idee war es, den handschriftlichen, persönlichen „Beförderungsvertrag” durch einen auf ein Kartonbillett gedruckten, unpersönlichen Ausweis zu ersetzen.

 

Edmondson begnügte sich aber nicht bloss mit der Schaffung von Billetten, die aus Karton gefertigt waren und gleichermassen leicht vom Reisenden wie auch vom Personal zu handhaben waren. Er dachte sich auch Vorrichtungen und Maschinen zum Bedrucken, Numerieren, Zählen, Lagern und Datieren der Fahrkarten aus. Bereits 1838 erschienen seine Kartonbillette im noch heute üblichen Format von 57 x 30,5 mm. Die nach ihm benannte „Edmonsonsche Fahrkarte” war geboren!

 

Sein System erfüllte von Anfang an eine sinnreiche Doppelfunktion. Einerseits verfügte die Eisenbahn über ein einfaches Verrechnungs- und Kontrollinstrument, und andererseits erhielten die Reisenden einen bequemen Wegweiser und Beförderungsvertrag sowie einen handlichen Ausweis über das bezahlte Fahrgeld. Schon die ersten Edmondsonschen Billette erhielten Angaben, aus denen die Abgangs- und Ankunftsstation, die Wagenklasse und der Fahrpreis, aber auch die entsprechende Seriennummer ersichtlich waren.

 

Captain Law, Direktor der Manchester and Leeds Railway, erkannte rasch die grosse Bedeutung, die in der Erfindung von Thomas Edmondson lag, und ernannte ihn zum Direktionsmitglied. Edmondson arbeitete an seiner Idee weiter und verbesserte das System ständig. Trotz der damaligen bescheidenen Hilfsmittel schuf er ein vollständiges, funktionierendes Billettdruck-, Kontroll- und Ahrechnungssystem. Dazu gehörten Einrichtungen zur fortlaufenden Numerierung, Zählapparate, Billettkästen zur Lagerung der Vorräte, Datumpressen und sogar Vorrichtungen zur Vernichtung der abgenommenen Billette.

 

Offenbar war Thomas Edmondsons Gesundheit seinem grossen Arbeitseifer nicht gewachsen. Nach einem kurzen Krankenlager verstarb er am 22. Juni 1851 in seinem 59. Lebensjah.

 

 

Geschichtlicher Abriss

 

Vor 1815: Für Personen und Güter wurden möglicherweise dieselben grossformatigen Begleitpapiere ausgestellt.

 

Ca. 1815: In Europa zeigen sich erste Ansätze eines eigentlichen Fahrausweiswesens. Es wurden handschriftlich Papiere, ungefähr Format A5, ausgestellt und in einem Kontrollbuch eingetragen. Nebst den Angaben zur Fahrt enthielten die Scheine auch Informationen zur Person. Wenige Jahre später folgten erste unpersönliche, teilweise vorgedruckte Postfahrausweise. Einzutragen waren im Idealfall noch das Fahrziel, der Fahrpreis sowie die Kurs- und Platznummer.

 

1838: Thomas Edmondson erfindet ein neues Billettsystem. 1836, als die Bahnlinie Newcastle – Carlisle (England) eröffnet wurde, erhielt der gelernte Schreiner Thomas Edmondson eine Anstellung als Vorstand der kleinen Station Milton. In diesem Einmannbetrieb sah er sich konfrontiert mit einer umständlichen Praxis des Billettwesens. Während zweier Jahre entwickelte er ein komplett neues Billettsystem, das eine bessere Kontrolle, Abrechnung und Prüfung der verkauften Billette erlaubte und das sich weltweit verbreitete. Er konstruierte eine Maschine, die Kartonstreifen im Format 30,5 mm × 57 mm bedrucken und nummerieren konnte. Aufbewahrt wurden die Billette in einem Kasten. Eine Datumspresse datierte das Billett beim Verkauf.

 

Auch in der Schweiz hielt dieses System bei den Privatbahnen Einzug. Das mutmasslich älteste bekannte „Edmondsonsche“ Billett, das in der Schweiz ausgestellt wurde, ist vom 28. Dezember 1858 datiert.

 

1924: In den Einnehmereien der SBB in Basel, Bern und Zürich wurden erste Versuche mit Schalter-Billettdruckern unternommen. Eine sechsmonatige Testphase zeigte jedoch, dass die damalige Konstruktion den Bedürfnissen des Schweizer Billettwesens nicht gerecht wurde.

1933: Anlässlich der Neueinrichtung der Einnehmerei Zürich HB wurde die Frage der Schalter-Billettdrucker von neuem geprüft. Der Zeitaufwand für den Verkauf von Billetten wurde jedoch als zu hoch erachtet.

 

1951: Die Generaldirektion der SBB beauftragte die Kommission für Schalter- und Fahrkartendrucker, die Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Einsatzes von Schalter-Billettdruckern zu prüfen.

 

1957: Erste AEG-Grossdrucker, Bauart 1952, sind im neuen Bahnhof Burgdorf im Einsatz.

Billettdruckmaschinen für den direkten Schalterverkauf verfügten über ein automatisches Registriersystem. Zählwerke erfassten fortlaufend die verkauften Billette sowie deren Preise und gaben jederzeit Auskunft über den eingenommenen Gesamtbetrag.

 

1959: Erster Einsatz von Gross- und Tischdruckern, Bauart Pautze. Die gesamte Einnehmerei Basel SBB wurde auf den Betrieb mit Billettdruckern umgestellt. Im Einsatz waren AEG-Grossdrucker, Pautze-Grossdrucker, Pautze-Tischdrucker sowie Ormegraph-Tischdrucker. Der letzte Pautze Schalter-Billettdrucker wurde 1993 in Zollikofen ersetzt.

 

1985: In Bern, Thun, Solothurn und Freiburg beginnt der Pilotbetrieb mit elektronischen Schaltergeräten (ESG), die die mechanischen Schalterdrucker ablösen sollen.

 

1986: Die elektronischen Schaltergeräte nehmen den regulären Betrieb auf. L1-Geräte von Olivetti geben Fahrausweise für das In- und Ausland aus, reservieren Plätze und vereinfachen die Buchhaltung.

Die elektronischen Schaltergeräte läuten in der Schweiz das Ende der rund 150-jährigen Ära der Edmondsonschen Billette ein. Mit dem Fahrplanwechsel 2007/2008 wurde der Verkauf von Kartonbilletten fast vollständig eingestellt.

 

Die elektronische Ausgabe von Papierbilletten ermöglicht nun auch den Bezug von Billetten an Automaten.

 

Die rasante technische Entwicklung eröffnete zunehmend neue Möglichkeiten: Den Kauf und das Drucken von Billetten zu Hause am Personal Computer,das Lösen von elektronischen Billetten auf mobilen Geräten mit der SBB-App.

 

Ab 2018 soll ein von SBB, BLS und PostAuto gemeinsam entwickeltes Angebot zur Verfügung stehen: Die Fahrgäste checken zu Beginn einer Reise mit einem Klick auf dem Smartphone mit Hilfe einer entsprechenden App ein. Am Schluss der Reise, auch nach mehrmaligem Umsteigen, beenden sie ihre Fahrt wiederum mit einem Klick auf dem Smartphone. Für die Fahrten bezahlen die Reisenden nachträglich am Ende des Tages.

 

 

Beat Winterberger, Passionierter Billettsammler und unheilbarer Nostalgiker

 

Geboren am 28. September 1955 in Bern. Jugend- und Schulzeit in Köniz.

 

Seit frühester Kindheit von der Eisenbahn und von den Billetten fasziniert. 

 

Berufswunsch während langen Jahren Lokführer, schlussendlich habe ich mich jedoch für eine Stationlehre (Betriebsdienst) entschieden und habe diesen Entscheid nie bereut.

 

Laufbahn: Betriebsdisponent-Stationsvorstand-Stellvertreter Bahnhofvorstand, Projektleiter Arbeitssicherheit, Teamleiter (Bahnhofvorstand) Murten

 

Begann bereits als Bub mit dem Sammeln von Billetten aller Art. Da unsere Familie kein Auto besass und immer mit dem öV unterwegs war kamen von diesen Reisen zahlreiche Billette zusammen. Erst später legte ich den Schwerpunkt auf die Kartonbillette, die sogenannten Edmondsonschen Billette.

Im Laufe der Jahre konnte ich diverse mit Billetten im Zusammenhang stehende Utensilien anschaffen: Billettschrank, Billettdatumpresse, Billettzange, Taxmarkenbüchse, betriebsfähiger Pautzebillettdrucker inkl. Druckplatten.

 

Im Laufe meiner langjährigen Sammlertätigkeit – einige Jahre war ich auch Mitglied des Internationalen Club of Ticket collectors – kam so eine ganz respektable Sammlung zusammen. Meine absoluten Trouvaillen sind 2 Kartonbillette mit Ausgabedatum 1887 und 1893. Meine Sammlung präsentiere ich im 150 fächigen Müllerbillettschrank sowie in 18 Bundesordner mit speziellen Klarsichtmappen. Noch warten 1000 von Billetten darauf gesichtet und eingeordnet zu werden.

 

Einen Höhepunkt erlebte ich im letzten Jahr als ich an einem 1-tägigen Billettseminar im RhB-Museum in Bergün unter kundigen Anleitung eines pensionierten Billettdruckers mein eigenes Edmondsonsches Billett setzen und drucken konnte.

 

„Es ist mir eine grosse Freude, einen Teil meiner Sammlung der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen.“

 

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Rahmenprogramm

 

An folgenden Tagen finden in der Ausstellung spezielle Vorführungen statt:

 

Sonntag, 13. August

Mittwoch, 30. August

Sonntag, 10. Septembrer

Mittwoch, 27. September

 

Die Vorführungen beginnen jeweils um 14.00 Uhr.

Eintrittspreis: 6.—

 

 

 

Kontakt

Gutenberg Museum

Liebfrauenplatz 16

1702 Freiburg

 

Telefon 026 347 38 28

Fax 026 347 38 29

info[at]gutenbergmuseum[dot]ch